Zum Thema: Gesetz zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Rede von Dr. Clara West zum Thema: Gesetz zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

29.09.2017 | gehalten am 28.09.2017

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Berlinerinnen und Berliner, lieber Martin Gutzeit,

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Die tiefe Wahrheit dieses Satzes des amerikanischen Schriftstellers William Faulkner hat sich für mich auch bei den Beratungen über den Gesetzentwurf erwiesen, um den es hier und heute geht.

Der wichtigste Aspekt besteht für mich persönlich in der Frage, wie wir künftig mit dem Erbe und der Geschichte der DDR umgehen wollen. Ich denke, dieser Umgang muss geprägt sein von Respekt:

Respekt vor den Opfern der Diktatur und des Schnüffelstaates, die wir nicht in Vergessenheit geraten lassen dürfen, weil wir ihnen sonst neues Unrecht und neues Leid zufügen würden.

Respekt vor der Lebensleistung der Ostdeutschen, die in der DDR in ihrer ganz großen Mehrheit versucht haben, unter den unendlich schwierigen Bedingungen der Diktatur ein anständiges Leben zu führen.

Respekt vor all denen, die diese Diktatur in einer friedlichen Revolution hinweggefegt und die Mauer niedergerissen haben und die mit ihrem Mut die deutsche Einheit überhaupt erst ermöglicht haben.

Respekt vor all denen, für die nach 1990 kein Stein auf dem anderen blieb und die mit einer für sie völlig neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung klarkommen mussten, mit Spielregeln, die sich nicht kennen und mit Zumutungen; mit denen sie nicht rechnen konnten.

Respekt nicht zuletzt auch vor denen, deren Träume und Hoffnungen im vereinten Deutschland in den Zeiten des wirtschaftlichen Zusammenbruches und der Massenarbeitslosigkeit geplatzt sind wie Seifenblasen, die es nicht geschafft und die sich nicht wieder aufgerappelt haben. Auch sie gehören zur Geschichte der deutschen Einheit, die eben keine reine Erfolgsgeschichte gewesen ist.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

bei der Vorbereitung auf diese Rede bin ich auf einen Beitrag aus der „Zeit“ aus dem Jahr 1993 gestoßen. In diesem Artikel ging es um die Frage, wer die Deutungshoheit bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte in der damaligen Enquete-Kommission des Bundestags hat.

Hier würde ich mit Ihrer Erlaubnis gerne kurz zitieren, Frau Präsidentin? Da steht:

Martin Gutzeit, ein Mitbegründer der SDP 1989, rang mit der Fassung, als Erhard Eppler verkündete, die Leipziger Montagsgebete seien ein ‚Ableger der westdeutschen Friedensbewegung‘ gewesen.“

Auch solche Fehleinschätzungen, Missverständnisse, Enttäuschungen und Verletzungen gehören zu unserer gemeinsamen Geschichte. Mich bestärkt das in meiner Überzeugung, dass wir gemeinsam nach unseren gemeinsamen Wurzeln suchen und dabei ehrlich miteinander umgehen müssen.

Wir müssen im Osten und vor allem endlich auch im Westen die friedliche Revolution als einen unglaublich bedeutenden Bestandteil der Geschichte unserer Stadt begreifen. Menschen wie Martin Gutzeit und andere haben diese Geschichte geschrieben. Ohne diesen leidenschaftlichen Mut von damals würden wir hier und heute nicht so zusammensitzen.

Danke dafür, lieber, verehrter Martin Gutzeit. Und danke für ein Vierteljahrhundert der Begleitung und Beratung von Opfern, für die Aufarbeitung dieser unendlich schwierigen Vergangenheit und für das stete Bemühen, die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Einsichten an nachgeborene Generationen weiterzugeben. Sie haben einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, dass es wieder EIN Berlin gibt und dass über alle Verwirrungen und Verirrungen hinweg das zusammenwächst, was zusammengehört.

Wir werden nicht zulassen, dass die vor über einem Vierteljahrhundert erkämpfte Demokratie von geifernden Populisten und berechnenden Reaktionären in eine existentielle Krise getrieben wird. Wir werden die demokratischen Strukturen in den Kiezen, in den Schulen und in den Betrieben stärken und wir werden dafür sorgen, dass nichts und niemand in Vergessenheit gerät.

Das hat viel mit Bildung zu tun, wie zum Beispiel meine Kollegin Maja Lasic gern zu sagen pflegt, mit schulischer Bildung und mit politischer Bildung. Noch können die jungen Leute von heute ihre Eltern und älteren Verwandten fragen, was diese DDR und was diese Mauer und was diese Insel West-Berlin eigentlich gewesen ist und was das für das ganz persönliche Leben bedeutet hat. Wir stehen in der Pflicht, sie zu diesem Gespräch zu ermutigen und dieses Gespräch zu ermöglichen.

Und es ist unsere Pflicht, die Geschichte der DDR und der friedlichen Revolution dort lebendig werden zu lassen, wo sich Jugendliche im Alltag aufhalten. Nicht mit erhobenem Zeigefinger und einschläfernden Vorträgen, sondern mit freundlicher Leidenschaft und nicht zuletzt mit den Mitteln, die uns die digitale Welt bietet. Man kann mittlerweile in 3D durch das historische Berlin laufen. Man kann sehen, wo die unüberwindliche Mauer stand. Unzählige Filme, Tondokumente und Bilder können von überall abgerufen werden. Nehmen Sie zum Beispiel das aus meiner Sicht vorbildliche Schulprojekt, das der Landesbeauftragte gemeinsam mit Schülerinnen und Schüler angestoßen hat: Eine tolle Idee auch deshalb, weil heutzutage so gut wie jeder Jugendlicher über ein Smartphone mit Kamera verfügt, mit dem man Bilder nicht nur aufnehmen, sondern in Sekundenbruchteilen an andere weitergeben kann.

lieber Martin Gutzeit,

ich glaube an das gute Wort, nach dem die Menschen ihre Geschichte selbst machen. Ich würde hier nicht stehen und könnte hier nicht reden, wenn die Ostdeutschen nicht vor 28 Jahren das Schicksal in die eigene Hand genommen hätten. Ich als im Westen geborene hätte niemals in die Heimatstadt meines Vaters ziehen können. Meinem Weißenseer Kiez hätte ich nie kennen- und lieben gelernt. Ich könnte mir nicht von Nachbarn, Freunden und Bekannten berichten lassen, wie das damals war in den Zeiten einer Diktatur, die ich selbst nicht erlebt habe, die ihren verdienten Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte gefunden hat und die wir nie vergessen dürfen.

Lassen Sie uns weiter voneinander lernen.

Herzlichen Dank!

 

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