Stadtteiltag mit Seniorenvertretern - Selbstbestimmt Leben und Wohnen im Alter

21.06.2016 | Mein letzter Stadtteiltag bot mir mal wieder die Gelegenheit, mich eingehend mit einem Thema zu beschäftigen, das sonst häufig zu kurz kommt: „Selbstbestimmt Leben und Wohnen im Alter“

Neben den sehr interessanten öffentlichen und hauptamtlichen Gesprächspartnern war es für mich vor allem spannend, bei einer „politischen Kaffeetafel“ und einer „Mobilen Sprechstunde“ mit den Seniorinnen und Senioren im Kiez ins Gespräch zu kommen. Einerseits bedeutet „älter werden“ ja nicht, dass man sich plötzlich für andere Dinge interessiert als Menschen unter 65. Es wurde in der Seniorenbegegnungsstätte im Charlottenhof also auch kontrovers über die BER-Baustelle oder die Disziplin im Parlament gestritten. Andererseits gibt es auch Themen, die erst relevant werden, wenn man nicht mehr so mobil ist oder gedanklich und körperlich einfach öfter mal eine Pause braucht – und es deshalb z.B. nicht mehr innerhalb einer Grünphase über die Straße schafft oder gern eine Theateraufführung schon um 18h und nicht erst um 20h besuchen würde.

Was bedeutet es also, älter zu werden? An wen kann ich mich oder können sich meine Angehörigen wenden, um die damit verbundenen Fragen zu klären?

Ich konnte meine Fragen im Pflegestützpunkt in der Mühlenstraße in Pankow stellen – und gemeinsam mit der Leiterin der Einrichtung Frau Didszun und einigen interessierten Bürgern auch der Idee der „Quartiersnahen Versorgung“ nachgehen. Die Vorschläge, wie man Strukturen für den demographischen Wandel schaffen kann, sind sehr weitreichend und spannend. Ich werde viel davon in meine zukünftige politische und parlamentarische Arbeit mitnehmen.   

Was die bereits bestehenden Strukturen vor Ort angeht, so erfuhr Frau Didszun von den anderen Anwesenden wie Professor Heckelmann von der Seniorenstiftung Prenzlauer Berg und Matthias Böttcher, seniorenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion in der BVV Pankow, große Zustimmung als sie von der Kapazitätsgrenze dieses Pflegestützpunktes sprach. Alle waren sich einig, dass mindestens ein dritter (einen zweiten gibt es bereits im Pankower Ortsteil Wilhelmsruh), besser noch ein vierter im Bezirk eröffnet werden müsste, um der steigenden Nachfrage von Beratungsbedarf gerecht zu werden.

Selbstbestimmung, Verantwortung für mich und andere übernehmen – das geht für viele aber auch über die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse hinaus. Wie kann ich mich als älteres Semester politisch einbringen? Wo und wie sind ältere Menschen organisiert, welche (besonderen) Rechte haben sie und wo und wie werden diese durchgesetzt?

Für die Diskussion um das Seniorenmitwirkungsgesetz kamen zwei Politikerinnen zu mir ins Bürgerbüro, die sich schon lange mit Theorie und Praxis des Gesetzes beschäftigen: Ülker Radziwill (seniorenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus) und Doris Fiebig (Vorsitzende der Seniorenvertretung Pankow). Sie stritten gemeinsam mit den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern um eine Verbesserung des aktuellen Gesetzes und der Mitwirkungsmöglichkeiten für ältere Menschen.

Ab wann bin ich eigentlich pflegebedürftig? Wer bestimmt das und gibt es individuelle Lösungen, damit man trotz Einschränkungen in der eigenen Wohnung bleiben kann?

Diese Fragen wurden wiederum von zwei Fachfrauen beantwortet: In der abendlichen Diskussion hat Frau Sabine Sickau, Geschäftsführerin der Stephanus Wohnen und Pflege gGmbH, Einblicke in die Herausforderungen der häuslichen Pflege gegeben und über die Schwierigkeit gesprochen, Menschen, die durch Alter, Behinderung und/oder andere gesundheitliche Einschränkungen hilfsbedürftig geworden sind, ein selbstbestimmtes Leben und Wohnen zu ermöglichen. Denn jeder definiert „selbstbestimmt“ anders: In der eigenen Wohnung zu bleiben, bedeutet für viele Menschen auch eine größere Einsamkeit als in einer Pflegeeinrichtung. „Eine wirkliche Verbesserung der Situation stellt aber vor allem die Erweiterung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs im neuen Pflegestärkungsgesetz II dar. Seit dem 01.01.2016 wird nicht mehr gefragt, „was kannst Du nicht?“, sondern „was kannst Du und wo brauchst Du Hilfe?“. Es fällt vielen Menschen leichter darum zu bitten, ins Bad begleitet zu werden als zuzugeben, dass sie regelmäßig einnässen, weil sie sich nicht allein ausziehen können.“, so die Praktikerin. Frau Sickau erläuterte den Gästen die verschiedenen Pflegestufen und an wen man sich wenden kann, um die für sich (oder Angehörige) richtige Lösung zu finden.

Was kann die Politik tun, um den Menschen möglichst lange die Möglichkeit zu geben in der eigenen Wohnung zu bleiben?

Cansel Kiziltepe ergänzte als Bundespolitikerin und Rentenexpertin, was auf Bundesebene getan wird, um das vielschichtige Thema „Selbstbestimmt Leben und Wohnen im Alter“ zu erfassen. Neben der Pflege und der Anpassung der Renten (Ost/West und Mann/Frau) spielt die Wohnungspolitik eine große Rolle. „Die aktuelle Mietentwicklung und die zunehmende Altersarmut sind ein Problem, das wir in den Griff kriegen müssen. Deshalb müssen wir großteiliger denken. Weg von der privaten Vorsorge („Riester-Rente“) hin zur „lebensstandardsichernden Rente“, so die Bundestagsabgeordnete für Kreuzberg-Friedrichshain-Prenzlauer Berg Ost. Kleine Schritte können zudem eine große Wirkung haben: Förderprogramme der KfW-Bank, die den alters-/behindertengerechten Umbau der Wohnung subventionieren oder AAL-Systeme (technische Unterstützung).

Meine Quintessenz aus dem Tag ist: Gemeinsam haben wir eine Blick geworfen auf den veränderten Blick der Gesellschaft auf das Leben im Alter z.B. mit Demenz und die Frage, was wir als Gesellschaft leisten müssen, können und wollen, um den Bedürfnissen älterer Menschen gerecht zu werden.

Ich danke allen Praktikerinnen und Gästen für die spannenden Einblicke in das Themengebiet. Vieles konnte leider nur angerissen werden, wie die Diskussion über die Kosten der stationären oder ambulanten Pflege, der Kontrolle der Pflegeheime oder die Frage nach steuerfinanzierter Umverteilung zu Gunsten der Pflege, aber ich bin mir sicher, dass ich mich nicht zum letzten Mal mit dem Thema demographischer Wandel auseinandergesetzt habe. Über Ihre Beiträge dazu freue ich mich!

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