Keine Heldengeschichten - 25 Jahre nach der Gründung der SDP: Hans-Peter Seitz: Ein politischer Kopf!

Clara West und Hans-Peter Seitz im Gespräch
Clara West und Hans-Peter Seitz im Gespräch
Clara West und Hans-Peter Seitz im Gespräch

23.10.2014 | Der dritte Abend im Bürgerbüro, der sich der friedlichen Revolution im Herbst 1989 widmete, gestattete den Zuhörern wiederum einen neuen Blick auf die damaligen Geschehnisse und den Einfluss, den sie auf den Einzelnen hatten. Dr. Hans-Peter Seitz, Jahrgang 1942, Physiker, hatte Ende der 80er Jahre eigentlich nicht geplant, Karriere in der Politik zu machen. Im Gegensatz zu vielen SPD-Mitgliedern aus Ost und West schaute er nicht auf eine sozialdemokratische Familiengeschichte zurück, aus der heraus es selbstverständlich gewesen wäre, 89/90 in die SPD einzutreten. Aber er wollte etwas bewegen, mithelfen beim Auf- und Umbau der Gesellschaft – und landete im SPD-Kreisbüro in Pankow.

Der Weg dorthin war verschlungen:

Hans-Peter war schon früh sozial integriert und engagiert: ab 1950 Mitglied der Jungen Pioniere („Da gab es schon 1950 einen Lichtbildausweis – und nur das fand er spannend!“), eckte allerdings aufgrund seines Pragmatismus und seiner kritischer Nachfragen immer schnell an. Er musste früh lernen, dass eine eigene Meinung und Ziele, die unabhängig vom Kollektiv verfolgt wurden, zu Sanktionen führten. Ohne zu wissen, wie er in die GST gekommen war, wurde er aus ihr in „Unehren“ entlassen und dank staatlicher Studienlenkung zunächst zum Studium der „Angewandten Mechanik“ (statt Physik) nach Rostock geschickt. Nach verpatzter Zwischenprüfung lernte er als ungelernter Tonassistent und gelegentlicher Aushilfs-Toningenieur beim Fernsehen in Berlin die Propaganda der SED von „unten“ kennen: Beim Anschließen von Mikrofonen an einen großen Tisch, an dem Karl-Eduard von Schnitzler eine politische Diskussionsendung moderieren sollte, arbeitete er unbemerkt unter dem Tisch und wurde so unfreiwillig Zeuge der Proben zu einer „spontanen Diskussion“. Diese am eigenen Leib erlebte Manifestation der staatlichen Einflussnahme verstärkte seine kritische Haltung, die er seitdem im Umgang mit seinem Staat nicht ablegte.

Als er schließlich doch zum Studium der Physik an der Berliner Humboldt-Universität zugelassen wurde und dort schnell zu einem der fachlich führenden Köpfe seines Jahrgangs wurde, stand auch hier sein kritischer Geist seiner Karriere in der DDR im Weg: Statt wie verlangt den Einmarsch der Russen in Prag 1968 vor dem Studienjahr zu verteidigen, fragte er nach und weigerte sich. Diese Weigerung wurde mit dem Entzug der Dissertation bestraft. Auch wenn er die Dissertation einige Zeit später erneut angehen und erfolgreich beenden durfte, war ihm und später auch seinen Kollegen am Zentralinstitut für Molekularbiophysik in Buch schon früh – zumindest in der Theorie – klar, dass die DDR im Niedergang begriffen war. Dass allerdings die Praxis ihnen so schnell Recht geben sollte, konnten sie dann doch nicht glauben!

Im November 1989, die Mauer war schon offen, besuchte er eine Verwandte in Nürnberg. Sie war Mitglied der CSU und nahm ihn zu einer CSU-Versammlung mit. Die CSU-Bayern machen ihm klar: „Wenn Sie etwas verändern wollen, müssen Sie in eine Partei gehen“! Das allerdings widersprach der Tradition seines Elternhauses, wonach man kein Mitglied einer Partei war. Also wurde er im Januar 1990 bei der SDP in Pankow vorstellig, nicht um in die neugegründete SDP einzutreten, sondern seine Mithilfe anzubieten. Das Büro der SDP hat er mit einer Spendenquittung verlassen, weitere Hilfe wurde von ihm in diesem Moment nicht verlangt. Einige Tage später entdeckte seine Frau diese Quittung, auf der Rückseite stand: „1. Mitgliedsbeitrag“. So war er, ohne die Mitgliedschaft beantragt zu haben, Mitglied der SDP geworden.

Obwohl ungeplant, führte das Leben Hans-Peter dann sehr stringent bis in den Geschäftsführenden Fraktionsvorstand der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Ein Lebensweg, wie er nur in Zeiten der friedlichen Revolution und des Umbruchs möglich war.

Die weiteren rasanten Veränderungen in der Gesellschaft machten auch vor der SPD und dem nun einfachen Mitglied Hans-Peter Seitz nicht Halt: Aus Basisgruppen wurden Abteilungen, Hans-Peter einer ihrer Vorsitzenden. Querelen im Kreisverband befördern ihn kurz darauf zum Kreisvorsitzenden der SPD Pankow und plötzlich stehen Männer in Anzügen vor Hans-Peter am FKK-Strand in Prerow und tragen ihm die Kandidatur fürs Abgeordnetenhaus an. Die Welt ist verrückt!

Zu Beginn der Jahre im Abgeordnetenhaus – insgesamt werden es drei Legislaturperioden (1990-2001) – musste die Zusammenarbeit mit den (West-Berliner) Genossen in einer „alt eingesessenen Partei“ erst erlernt werden. Für die ostdeutschen Genossen war die Partei neu, unfertig und noch formbar. Die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus aber gab es in ihrem Selbstverständnis schon „immer“, mit ihren eigenen Spielregeln, die Hans-Peter u.a. vom damaligen Fraktionsvorsitzenden Dietmar Staffelt in langen „Hintergrundgesprächen“ erklärt wurden. Hier gab es nicht mehr zu viele Plätze und zu wenig Freiwillige, sondern hier wurde mit anderen Bandagen um die interessanten Posten gekämpft. Auch das Totschlagargument des Stasi-Verdachts (zunächst als ungeprüfte Behauptung und später widerlegt) wurde ins Feld geführt, um Hans-Peters Position zu schwächen.

Besonders irritierend für die Ost-Berliner Genossen war die westdeutsche Aufteilung der SPD-Strömungen in links und rechts. Man war Sozialdemokrat – wie konnte man da „rechts“ oder „links“ sein? Diese Unterschiede im Selbstverständnis der Genossen aus Ost und West führte immer wieder zu anregenden Diskussionen.

Und so resümiert Hans-Peter zu später Stunde im Bürgerbüro: „Es war eine aufregende Zeit! Ich habe Freunde fürs Leben gefunden – wem passiert das mit knapp 50 noch? Ich durfte neben Willy Brandt sitzen und mich 15 Minuten mit ihm angeregt unterhalten. In meiner politisch aktiven Zeit gab es viele solche Momente, an die ich mich gern erinnere“.

Andererseits gibt uns Hans-Peter aber auch Hausaufgaben mit und bewies damit noch einmal seinen politischen Anspruch an sich und seine Partei: „Wo sind die Überzeugungen der SPD geblieben? Sind unsere Wahlprogramme tatsächlich noch werteorientiert oder nur noch marktorientiert?“ Diese Fragen stellen den perfekten Übergang zu der anschließenden Diskussion in kleineren Grüppchen dar. Erst nachdem alle Teller und Gläser leer und die Köpfe mit spannenden Erinnerungen und neuen Ideen gefüllt waren, machten wir uns auf den Heimweg.

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